In meinen Worten: Christian Herpolsheimer über die Premiere des Entwicklungskaders
Ob Titelkampf oder Kellerduell in der OPEL HBL, ob Spitzenspiel oder Abstiegsthriller in der Handball Bundesliga Frauen, ob ein Nachbarschaftsderby in der 3. Liga oder die Finalrunde der Deutschen Jugend-Meisterschaft: Seit 2020 können die Schiedsrichter*innen des Deutschen Handballbundes (DHB) bei ihren Einsätzen auf die Unterstützung der KÜS bauen. Die knapp 300 Unparteiischen eint die Leidenschaft für das Pfeifen, und doch bringt jeder seine eigenen Erfahrung, seine eigenen Antrieb, seine eigene Geschichte mit. In der Interviewserie „In meinen Worten“ widmen sich ein oder zwei Unparteiische einem speziellen Thema. In diesem Monat spricht Christian Herpolsheimer über den neu eingeführten Entwicklungskader, dem der erfahrene Drittligareferee zusammen mit Gespannpartner Peter Abel angehört.
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Christian, wie groß ist eure Vorfreude auf die erste Saison im Entwicklungskader?
Ich mache es kurz: Riesengroß (lacht). Mein Schiedsrichterpartner und ich freuen uns, dass wir für den neuen Entwicklungskader nominiert worden sind. Wir sind bis an die Nasenspitze motiviert und unserer Meinung nach auch sehr gut vorbereitet. Wir haben im Sommer konditionell noch einmal eine Schippe draufgelegt und um mehr Vorbereitungsspiele gebeten, weil wir top-vorbereitet sein wollen.

Der Entwicklungskader ist die neue Stufe im Kadersystem der deutschen Schiedsrichter. Wie würdest du den Kader in zwei, drei Sätzen erklären?
Im Entwicklungskader werden die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter gebündelt, die sich für den Schritt in den Bundesligabereich empfehlen können. Wir sind ein bunt gemischter Kader, jeder von uns bringt seine eigenen Erfahrungen aus den letzten Jahren mit und die sind total unterschiedlich. Einige haben der Spitzengruppe der 3. Liga angehört, andere kommen aus der Jugendbundesliga oder haben zuvor im Nachwuchskader schon in der Bundesliga gepfiffen [der Nachwuchskader wurde mit der Einführung des Entwicklungskaders aufgelöst, Anm. d. Red.]. Jetzt sind erstmals alle, die den Schritt den Bundesligabereich machen wollen, in einem Kader gebündelt.
Das ist gerade für die 3. Liga eine große Umstellung. Bislang wurde gerne gesagt, die 3. Liga sei das Nadelöhr für Schiedsrichter, weil in der Regel nur ein Team von 60 Gespannen aufgestiegen ist. Nun führt der Weg ausschließlich über den Entwicklungskader.
Ich bin ein Befürworter der neuen Struktur, denn es schafft Transparenz. Das war in den letzten Jahren in der 3. Liga nicht der Fall. Mal hieß es Spitzenförderung, davor nannte man es Aufstiegskader, aber am Ende war es für niemanden transparent, wer genau jetzt eigentlich eine Chance hat, aufzusteigen. Jetzt sind alle Anwärter wirklich gebündelt und einer oder zwei machen den Schritt nach oben.

Wie viele Aufsteiger es genau geben wird, hängt dabei vom Bedarf im Bundesligabereich ab. Gibt es oben Schiedsrichter, die ihre Karriere beenden, gibt es einen oder sogar zwei Plätze mehr. Das ist bei aller Transparenz ein Unsicherheitsfaktor, oder?
Das stimmt, aber wir wissen: Wenn oben Leute gebraucht werden, wird sich aus unserem Kader – dem Entwicklungskader – bedient. Das steht schwarz auf weiß da; auf dem Papier sind es diese sieben Teams, die den Sprung in die Bundesliga schaffen wollen – und vielleicht auch können. Wer zum Halbzeitlehrgang auf den oberen Plätzen im Ranking steht, darf Bundesligaluft in der 2. HBL schnuppern. Das ist ein cooles Zwischenziel, wobei wir immer selbst reflektieren müssen, ob wir dafür auch bereit sind. Es wird eine total spannende Saison!
Das bringt jedoch auch einen neuen, größeren Druck mit sich …
Absolut! Der Entwicklungskader ist erst einmal auf ein Jahr begrenzt. Jedes Jahr kommen neue Leute dazu und wenn du nicht die Leistung gebracht hast, steigst du ab. Es gibt keine Garantie, im Entwicklungskader zu bleiben. Das erfordert harte Arbeit – jeden Tag ebenso wie jedes Wochenende auf der Platte.
Du hast es eben schon gesagt: Im Entwicklungskader pfeifen sieben Teams. Ihr müsst diesen Kader jetzt mit Leben füllen, man wird auf euch gucken. Wie groß ist der Respekt?
Natürlich ist der Druck, der in allen Bereichen herrscht, deutlich größer. Es ist nicht nur Druck auf dem Spielfeld, sondern auch Außen herum. Wir sind als Kader das Bindeglied zum Bundesligakader und das Aushängeschild der 3. Liga. Da darfst du dir keine Fehler erlauben. Es wird geschaut, wie du dich bei den Workshops präsentierst, wie du deine Freitermine setzt, wie belastbar du bei den Spielen und bei der Nachbereitung bist. Es sind so viele Anforderungen dazu gekommen; es ist noch einmal deutlich zeitintensiver und man muss es mit Familie vereinbaren können. Das ist die Kehrseite, aber das wussten wir. Es wurde vorher offen mit uns darüber gesprochen und wir wussten, worauf wir uns einlassen – und wir freuen uns drauf.

Was versprichst du dir von dem Kader?
Ich bin aktuell einfach sehr gespannt. Wir wissen alle noch nicht genau, wie es im Entwicklungskader laufen wird. Klar ist: Wir haben monatliche Online-Workshops und es wird im Winter einen zusätzlichen Lehrgang geben, wo sich nur der Entwicklungskader drei Tage in Halberstadt versammelt. Dort soll der Fokus darauf gelegt werden, was uns im nächsten Schritt erwarten würde. Das finde ich alles cool, weil du nicht nur mitschwimmst und mit Glück am Ende oben im Ranking stehst, sondern gezielt mit dir an deinen Stärken und Schwächen gearbeitet wird. Dieser Feinschliff hat uns bisher ein bisschen gefehlt. Und auch, wenn wir im Entwicklungskader in gewisser Weise Konkurrenten sind, können wir sicherlich viel voneinander lernen.
Ihr seid ein erfahrenes Gespann aus der 3. Liga und altersmäßig die Routiniers im Entwicklungskader…
… aber auch für uns ist das jetzt alles neu und besonders. Als vor einigen Tagen die ersten Ansetzungen zur 2. Frauen-Bundesliga kamen, war das für uns ein toller Moment. Wir hatten bisher noch keine Berührungspunkte mit dem Bundesligabereich, wir haben darauf hingearbeitet und darauf hingefiebert und jetzt ist es soweit. Das ist genau das, was ein Schiedsrichter-Herz will. Wir wissen aber auch: Jetzt beginnt die Aufgabe, jetzt beginnt die Arbeit.
Was ist der größte Unterschied zu den letzten Jahren?
Die regelmäßigen Einsätze unter der Woche. In der 3. Liga ist vielleicht mal ein Spiel am Freitagabend, aber auf Bundesligaebene sind die Einsätze regelmäßig unter der Woche. Dass unter der Woche Präsenz verlangt wird, ist eine Neuerung. Das haben wir jetzt direkt gespürt, wir haben schon einen Einsatz an einem Mittwochabend am anderen Ende von Deutschland erhalten. Das musst du mit Beruf und Familie natürlich unter einen Hut bekommen, aber es ist alles wahnsinnig spannend für uns.
Ihr werdet auch als Teil des Entwicklungskaders weiterhin in der 3. Liga unterwegs sein. Im Handball fokussiert sich die Aufmerksamkeit oft auf die Bundesliga, die 3. Liga steht im Schatten. Wie würdest du die 3. Liga beschreiben?
Es geht in der 3. Liga im Handball vielleicht noch nicht so um Geld wie im Fußball, aber die Profibedingungen sind zu erkennen. Auch, wenn es in der einen Staffel mehr Top-Mannschaften geben mag als in der anderen, arbeiten alle Teams sehr professionell. Mehr als die Hälfte der Mannschaften in jeder Staffel trainiert unter Profibedingungen, es gibt zahlreiche Hallen jenseits der 1.000 Zuschauer und der Handball ist extrem attraktiv.

Es spielen Vereine wie HC Empor Rostock, Eintracht Hildesheim oder EHV Aue in der 3. Liga, die Bundesliga-Geschichte mitbringen …
Der EHV Aue hat Jahrzehnte in der 2. Bundesliga gespielt und wenn du in die Erzgebirgshalle reingehst, hast du das Feeling wie in der Bundesliga. Geiler geht es nicht. Die 3. Liga ist daher nicht nur für Schiedsrichter ein Sprungbrett, sondern auch für Spieler, die sich dort zeigen können. Einige Trainer bringen Erstliga-Erfahrung mit und die haben entsprechend einen Anspruch – sie wollen in die Bundesliga. Das tut der 3. Liga gut.
Zum Abschluss, dein persönlicher Eindruck: Bisher wart ihr eins von 60 Gespannen in der 3. Liga, jetzt sei seid ihr im Entwicklungskader auf Tuchfühlung mit der Bundesliga. Wie hat das die Wahrnehmung verändert?
Bei den Kollegen aus der 3. Liga habe ich einfach eine Neugier gespürt. Viele werden genau drauf achten, was wir beim Halbzeitlehrgang berichten werden. Das ist normal und ich bin gespannt, wie es wird, wenn wir uns im Winter sehen. Ich bin zusätzlich noch in meinem Bezirk im bayrischen Handballverband tätig und da habe ich ein großes Interesse gespürt. Auf dem Lehrgang wirst du da mit Fragen bombardiert (lacht). Es klingt für mich immer arrogant, wenn man sagt, dass man ein Vorbild ist, aber es ist so. Ich will das nutzen, um zu motivieren und den Jugendlichen, die mit 14, 15 oder 16 Jahren mit dem Pfeifen anfangen, zeigen, was sie erreichen können.
Fotos: media-konzept/DHB
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